Der Chef sein

Zuletzt verändert am 24. Juli 2026 • 2 Min. Lesezeit • 364 Wörter
Fast schon zufällig wurde ich befördert.
Der Chef sein
Bild von Michael Jeltsch
Fast zufällig wurde ich befördert. Ich bin jetzt Projektleiter oder Gruppenleiter. Ich hatte noch nie besonders großes Interesse daran, der Chef zu sein. Es gibt genug bequeme und mittelmäßige Projektleiter auf dieser Welt, und mein (mittlerweile ehemaliger) Chef Kari Alitalo  mit seinem Maß an Engagement und Exzellenz wirft einen Schatten, aus dem man wohl kaum heraustreten kann.Dennoch beschloss ich 2011, es zu versuchen, bevor ich zu alt war, um mich bei der Finnischen Akademie  um eine Stelle als Gruppenleiter zu bewerben. Ich hätte es vielleicht bereut, wenn ich es gar nicht erst versucht hätte. Der erste Versuch schlug fehl. Ein Jahr später war meine Promotion bereits über neun Jahre alt, und ich musste besondere Gründe anführen, um mich erneut bewerben zu können (ich hatte für unsere beiden Kinder lange Erziehungszeiten in Anspruch genommen). Obwohl ich im Grunde dieselbe Bewerbung einreichte, hatte ich dieses Mal Glück bei dem, was jemand einmal als „Akademie-Lotterie“ bezeichnet hat. Und meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr: Anstatt zu forschen, verwandelte ich mich in eine Geldbeschaffungsmaschine. Das liegt zum Teil daran, dass die Akademie deutlich weniger Fördermittel bewilligte, als ich beantragt hatte. Jedes Jahr stehen der Akademie immer weniger Mittel zur Verfügung, und sie steht vor der schwierigen Entscheidung, entweder weniger Forscher zu fördern oder zwar die gleiche Anzahl an Forschern zu fördern, jedem aber weniger zu geben … Ich hatte einmal einen E-Mail-Austausch mit Alexander Stubb  (als er für normale Leute wie mich noch ansprechbar war) über die sinkenden Forschungsmittel, aber zumindest scheint die derzeitige finnische Regierung die langfristigen Auswirkungen der sich kontinuierlich verschlechternden finanziellen Lage der akademischen Forschung in Finnland zu unterschätzen. Die Lage ist so schlimm, dass die meisten talentierten Menschen dieses Land bei der ersten Gelegenheit verlassen.Aufgrund des Vollkostenmodells  bin ich praktisch gezwungen, mich bei den Personalkosten strikt an das Budget zu halten. Und deshalb bleibt kein Geld mehr übrig, um die laufenden Ausgaben wie Chemikalien und Reagenzien zu bezahlen. Bis einer meiner Förderanträge bewilligt wird, müssen wir mit einem sehr knappen Budget forschen … Übrigens: Die neuen Webseiten meines Labors, die auf den Servern der Universität gehostet werden, sind immer noch nicht online. Da sie aber fertig sind, habe ich sie auf meinem eigenen Server  veröffentlicht.