Miklós Radnóti: Gewaltmarsch

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Ausgewählte Gedichte.
Ausgewählte Gedichte. Budapest: Corvina, 1979. Deutsche Nachdichtungen von Markus Bieler Die Herbstbeere errötet schon in der SonneBlond, ein heidnisches Mädchen ist meine Geliebte, sie glaubt, ich sei der Einzige, und wenn sie einen Priester sieht, flüstert sie erschrocken: Es gibt nur Gras und Bäume; Sonne, Mond, Sterne und Tiere gibt es auf den bunten Feldern. Und sie rennt davon. Staub wirbelt fröhlich in ihren Fußspuren auf. Doch dort oben, in Richtung der Gärten, sieht sogar das Kruzifix ihren Kuss, und voller Freude fällt ihr das Weizenblümchen zu Füßen, denn immer wieder bewundert sie vergeblich ein liebender, bärtiger heiliger Mann. Achtzehn Jahre alt, und wenn sie ohne mich ist, geht sie schweigend, wie das Sommerwasser mittags zwischen bewaldeten Ufern fließt, und wiegt glitzernde Sorgen in sich, dass wir niemals genug von dem Kuss bekommen können, und ist traurig. Schon errötet die Herbstbeere in der Sonne. 1. September 1930. Schon rötet die Sonne die Beeren des HerbstesMein Schatz ist ein blondes heidnisches Mädchen, glaubt nur an mich, und wenn ein Priester auftaucht, haucht sie erschrocken: Es gibt nur Gras und Bäume; Sonne, Mond und Sterne, Tiere auf bunten Wiesen. Und weg ist sie. Staub stiebt glückselig auf ihrer Fluchtspur. Droben freilich, wo’s zu den Gärten geht, sieht auch ein Kruzifix ihren Kuss, und vor ihr knicksen freudig die Kornblumen, da hilft ja nichts, verliebt bewundert sie in einem fort der Mann mit heiligem Vollbart. Achtzehn ist sie, und wenn sie ohne mich ist, geht sie schweigend, wie im Waldbach im Sommer das Wasser zur Mittagszeit fließt, und trägt eine sprühende Sorge im Herzen, nämlich, warum uns das Küssen doch nie sättigt. Das macht sie traurig. Schon färbt die Sonne die Beeren des Herbstes rot. 1. September 1930 Hier weht kein Wind mehrGábor Tolnai Alles schläft hier, auch zwei Blumen neigen sich schläfrig zueinander, träumen langsam vom Regen und wachsen vor sich hin – bezahlt mir zwei paare feste Schuhe, und ich gehe in die Mittagssonne, um dort zu bräunen, wo morgens auf weißen Straßen der Aufstand tobt, mit den jungen Massen in ihrem schönen roten Haar! Oder ich gehe, um auf den Dächern Transsilvaniens zu leuchten, wo der Wind in der schwarzen Nacht die bestickten Röcke der Balladen weht, denn hier weht schon kein Wind mehr! Auf den auf dem Bauch liegenden Straßen liegt das Sonnenlicht und kratzt sich tief in Gedanken versunken am Hintern. 20. November 1931. Nicht einmal Wind bläst hierFür Gábor TolnaiAlles schäft hier, auch zwei Blumen, schnaufend, lehnen sich aneinander, träumen von Regen, erschauern und dehnen sich; bezahlt mir nur zwei starke Schuhe, und ich gehe nach Indien, um dort als Sonne zu scheinen, wo morgens auf weißen Straßen der Aufruhr mit den jungen Massen in seinem schönen Rothaar umherzieht! oder ich glänze als Schnee auf Siebenbürgens Firsten, wo in die bestickten Röcke der Balladen schwarz der Nachtwind bläst, denn nicht einmal mehr Wind bläst hier! bäuchlings liegt hier der Sonnenschein auf den Straßen und kratzt sich, von großen Dingen träumend, am Hintern. 20. November 1931 Eines Nachts Eines Nachts bewegt sich plötzlich die Wand, die Stille dringt ins Herz, und das „Weh“ fliegt hinaus.Die Rippen beben, dahinter verstummt auch das an Unglück gewohnte Pochen. Stumm erhebt sich der Körper, nur die Wand schreit. Und das Herz, die Hand und der Mund wissen: Das hier ist der Tod, der Tod.Wie wenn im Gefängnis das Licht blinkt, wissen die Häftlinge drinnen und der Wärter draußen, dass der Strom in einem einzigen Körper zusammenfließt, die Glühbirne schweigt, ein Schatten huscht durch die Zelle, und in diesem Moment spüren die Wachen, die Gefangenen und die Würmer den Geruch des versengten menschlichen Fleisches.20. April 1942Eines Nachts auf einmalEines Nachts auf einmal bewegt sich die Wand, die Stille trompetet ins Herz und das Weh darin verfliegt. Schmerz schießt in die Rippen, das leidensgewohnte Pochen dahinter versiegt. Stumm hebt sich der Leib, nur die Wand widerhallt von der Not.Dann wissen es das Herz und die Hand und der Mund: Ja, das ist der Tod, der Tod.So wissen es, wenn das Licht flackert, die Gefängnisinsassen, der Wärter im Gang; nun bündelt sich der Strom in einem Körper, die Glühbirne schweigt, ein Schatten durchquert die Zelle, und dann ist es so, dass zu Wärtern, Gefangenen, Würmer der Geruch versengten Menschenfleisches weht.20. April 1942Meine kleine Schwester war sehr verliebt, sie spielte traurig Geige im abendlichen Zimmer; ihr weißes Handgelenk, das auf den mit offenen Armen empfangenden Messingständer fiel, schwang flackernd über den Saiten, und Bilder klatschten leise an der Wand, wenn ihr schlanker Bogen eine Pause machte. Sie war verliebt, ihr Körper schwebte durchscheinend, sie küsste mich auf den Mund und streichelte mein Haar mit ihren kostbaren, verspielten Fingern. Ich war traurig, weil sie traurig war. Meine Schwester spielte Geige in dem kleinen Zimmer; ihr weißes Handgelenk schwang funkelnd hin und her, und die Bilder klatschten leise, wenn ihr schlanker Bogen eine Pause machte. Budapest, 17. August 1928.