Wiederholt Finnland die Fehler der USA?

Veröffentlicht am 16. August 2026 • 7 Min. Lesezeit • 1.411 Wörter
Entgegen aller Fakten zielen die kurzsichtigen Maßnahmen der Regierung Purra/Orpo darauf ab, Finnlands Zukunft zugunsten geringer (und vielleicht gar nicht vorhandener) Kosteneinsparungen zu zerstören.
Wiederholt Finnland die Fehler der USA?
Bild von Michael Jeltsch and Manus AI

Finnland hat traditionell allen Studierenden, unabhängig von ihrem Herkunftsland, eine studiengebührenfreie Hochschulbildung ermöglicht. Dies änderte sich im Jahr 2017, als dieses Privileg auf inländische sowie EU-/EWR-Studierende beschränkt wurde. Zwar gibt es einige Argumente für Studiengebühren (siehe die Liste unten), doch überwiegen die negativen Folgen bei weitem. Obwohl die meisten hier in Finnland die Idee von allgemeinen Studiengebühren ablehnen (darunter auch die Studierendenorganisationen und die Rektorenkonferenz UNIFI), bereitet unsere Regierung derzeit ein Gesetz vor, das es den Hochschulen ermöglichen würde, Studiengänge anzubieten, bei denen Studierende nach Zahlung der Studiengebühren ohne jegliche Aufnahmeprüfung zugelassen werden. Diese Studierenden wären im Vergleich zu unseren derzeitigen gebührenpflichtigen Studierenden, die über das Auswahlverfahren einen Studienplatz bekommen, noch stärker privilegiert.

Den Universitäten zu gestatten, kostenpflichtige Studiengänge anzubieten, bedeutet nicht, dass sie solche Studiengänge auch anbieten müssen, wenn sie dies nicht für angemessen halten. Allerdings ähnelt diese Gesetzesvorlage wahrscheinlich der Regelung für Studiengebühren für Nicht-EU-/EWR-Studenten, die ebenfalls zunächst „erlaubte“, es dann „obligatorisch“ machte und schließlich die Höhe der Gebühren als „obligatorisch kostendeckend“ festlegte. Und angesichts der desolaten finanziellen Lage unserer Hochschulen wird es interessant sein zu sehen, welche unserer Hochschulen der Versuchung widerstehen können, eine zusätzliche Geldquelle zu erschliessen, während sie gleichzeitig ihre Vision von Bildung, Gleichheit und was es sonst noch so gibt mit Füßen treten. Angesichts ihrer bisherigen Bilanz werden die meisten wahrscheinlich schwach werden. Die Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Mari-Leena Talvitie, hat versprochen, dass zumindest der erste Studienabschluss (d. h. der BSc) bis 2040 für einheimische Studenten kostenlos bleiben wird.

Das Studiengebühr-Experiment wurde in Deutschland naürlich schon früher und in viel größerem Umfang durchgeführt und endete nicht besonders gut. Die meisten Universitäten kehrten zum kostenlosen Modell zurück, nachdem sie feststellten, dass sich die Abschlussquoten nicht verbesserten, sondern die Einschreibungszahlen von Studierenden aus niedrigeren sozioökonomischen Schichten deutlich zurückgingen. In Finnland sind die Hochschulen jedoch weitaus weniger unabhängig als in Deutschland, und die Regierung erlegt ihnen häufig verbindliche Vorschriften auf, denen sich die Hochschulen nicht entziehen können. So viel dazu, keine Bundesrepublik wie Deutschland oder die USA zu sein, wo allein schon dadurch, dass viele wichtige Dinge nicht auf nationaler Ebene entschieden werden, erhebliche Freiheiten bestehen. Wenn einem das Bildungssystem nicht gefällt, kann man in einen anderen Staat oder ein anderes Bundesland ziehen, das besser zu den eigenen Vorstellungen passt. Denn was das Bildungssystem angeht, erscheint Deutschland so zersplittert wie politisch vor etwa 500 Jahren.

Hier sind einige Argumente für Studiengebühren und meine perönliche Meinung dazu:

  1. Gebühren könnten die Hochschulbildung finanziell selbsttragend machen und damit den völlig verpfuschten Haushalt unserer Regierung entlasten. Die hatte ja versprochen, die Finanzen auf eine solide Basis zu stellen, aber tatsächlich das Gegenteil erreicht. Erstens sind die Auswirkungen von Studiengebühren auf die Hochschuleinnahmen begrenzt. Nach allem, was wir aus ähnlichen Umstellungen in anderen Ländern wissen, verändert dies den Hochschulhaushalt nicht grundlegend. Und wenn man von den Studierenden schon Geld verlangt, sollte man ihnen auch ein gutes Produkt bieten! Denn sobald die Universität Geld verlangt, steht sie im Wettbewerb mit Hunderten anderer ausländischer Hochschulen, die eine weitaus bessere Erfolgsbilanz bei der Bereitstellung guter Lehre vorweisen können. Daher müssten finnische Universitäten den Löwenanteil der zusätzlichen Einnahmen dafür ausgeben, eine bessere persönliche Betreuung aufzubauen, die über das einmal pro Semester (oder einmal pro Jahr) stattfindende HOPS-Treffen hinausgeht, das unsere Studierenden heutzutage „genießen“. Ich persönlich glaube nicht, dass dies die Qualität wesentlich verbessern würde. Erstens würden die Universitäten das zusätzliche Geld erst einmal dazu verwenden, ihre aktuellen Defizite auszugleichen. Zweitens haben wir genug Personal, das weder lehrt noch forscht, doch das hat nichts an der administrativen Belastung von Forschern und Lehrenden geändert. Eher das Gegenteil: Das Ergebnis ist immer mehr Dokumentation, Berichterstattung, Qualitätskontrolle, Umstrukturierung, Optimierung und Evaluierung. Und schließlich, falls dies tatsächlich zusätzliches Geld in die Kassen der Universitäten spülen würde: Wie wir unsere Politiker kennen, würden sie dies sofort als Vorwand nutzen, um die staatlichen Ausgaben für Universitäten zu kürzen (oder sie in einem inflationären Umfeld einzufrieren).

  2. Das Argument, dass viele andere Länder Studiengebühren verlangen („internationale Konvergenz“), ist unzulässig. Ich muss hoffentlich nicht erklären, dass die Tatsache, dass die Mehrheit etwas tut, kein gutes Argument dafür ist, warum man dasselbe tun sollte. Erstens könnte die Mehrheit im Unrecht sein. Aber was noch wichtiger ist: Man kann verschiedene Länder nicht anhand einer isolierten Variable vergleichen. Was in den USA oder in China funktioniert, muss in Finnland nicht unbedingt funktionieren, denn Finnland unterscheidet sich in so vielen anderen Aspekten von den Vereinigten Staaten und China, dass es lächerlich ist, diesen Punkt überhaupt anzuführen.

  3. Manche argumentieren, dass Hochschulabsolventen privat von höheren Lebensverdiensten profitieren, weshalb eine teilweise Kostenbeteiligung gerechtfertigt sei. Da ist zwar etwas dran, aber: Wir haben eine progressive Besteuerung, um das auszugleichen! Außerdem beträgt der Einkommensunterschied zwischen einer hochgebildeten Person (nehmen Sie mich als Beispiel) und einem Straßenbahn- oder Zugführer in Finnland nach Steuern etwa 50 % (ganz abgesehen davon, dass ich selten einen 8-Stunden-Arbeitstag habe). Daher ist dieses Argument in Finnland weitaus weniger stichhaltig als in den USA, wo die Einkommensungleichheit zwischen Arm und Reich viel größer ist als in Finnland. Finnlands GINI-Index liegt bei etwa 27–28, während die USA bereits vor mehr als 30 Jahren die 40er-Marke überschritten haben, was den massiven Unterschied in der Einkommensungleichheit  verdeutlicht.

  4. Die Studierenden sollen schneller ihren Abschluss machen. Das funktioniert zwar bis zu einem gewissen Grad, wird jedoch dadurch ausgeglichen, dass weniger Studierende ein Hochschulstudium aufnehmen. Somit ersetzen wir eine leistungsorientierte Auswahl („die Klugen sollen studieren“) durch eine wohlstandsorientierte Auswahl („die Reichen sollen studieren“). Da eine Hochschulausbildung nach wie vor ein etwas höheres zukünftiges Einkommen verspricht, würde dies die Vermögensungleichheit weiter vergrößern. Und wer will schon hochgebildete, aber dumme Hochschulabsolventen? Finnland hat sich gerade deshalb von einem unterentwickelten Agrarland weiterentwickelt, weil kluge Kinder dort immer eine hervorragende Ausbildung erhalten konnten. In einem Land mit nur 5,5 Millionen Einwohnern kann man es sich nicht leisten, intellektuelles Humankapital ungenutzt zu lassen. Studiengebühren würden genau das bewirken: Talentierte Kinder ohne reiche Eltern würde nicht mehr studieren. Man könnte argumentieren, dass die USA und Großbritannien zeigen, dass es möglich ist, trotz einer stark kommerzialisierten Hochschulbildung die klügsten Wissenschaftler zu haben. Das ist völlig richtig, aber dabei werden zwei wesentliche Unterschiede zwischen Finnland und den angloamerikanischen Ländern außer Acht gelassen:

  • Großbritannien und die USA haben es immer geschafft, die intellektuelle Elite aus aller Welt anzuziehen. Sie sind nicht auf einheimische Talente angewiesen. Finnland hingegen muss sich fast ausschließlich auf einheimische Talente verlassen, da niemand nach Finnland kommt, um hier eine wissenschaftliche Karriere zu verfolgen. Gelegentlich landen zwar einige kluge Ausländer hier, aber meist geschieht dies aus privaten Gründen und nicht wegen der Karriere. Und wenn es um die Karriere geht, wird Finnland oft als Sprungbrett für höhere Ziele betrachtet.
  • Alle Ivy-League-Universitäten (und viele andere US-Universitäten) verfügen über ein großzügiges Stipendienprogramm für begabte Studierende. In Finnland gibt es nichts Vergleichbares. Und noch was: Die Studentenkreditkrise in den USA ist eine echte Krise! Es scheint, als wüssten einige finnische Politiker nichts davon. Bitte hör dir diesen Podcast an, Mari-Leena: https://freakonomics.com/podcast/the-1-5-trillion-question-how-to-fix-student-loan-debt-ep-377/  . Studienverzögerungen in Finnland haben systemische Ursachen, die sich nicht so einfach beheben lassen: Viele müssen während des Studiums arbeiten, weil die Studienbeihilfen unzureichend sind (wofür unsere Regierung verantwortlich ist). Und es gibt eine Epidemie psychischer Probleme, die nicht auf individuelle Probleme zurückzuführen ist, sondern auf die Gesamtsituation, in der sich junge Menschen heutzutage befinden (wofür die Babyboomer-Generation kollektiv verantwortlich gemacht werden kann). Bemerkenswert ist, dass unsere Regierung mit Sparmaßnahmen konsequent Studierende und junge Menschen ins Visier genommen hat (z. B. Abhängigkeit von Studienkrediten, geplante Studiengebühren, Anhebung des Rentenalters), während sie Steuererhöhungen oder Kürzungen bei Finnlands jährlichen Rentenausgaben in Höhe von 40 Milliarden Euro vermieden hat. Ratet mal, wie hoch das Durchschnittsalter eines Kokoomus-Wählers ist…

Könnte ein Hybridsystem funktionieren? Vielleicht. Es spricht einiges dafür, von Studierenden Gebühren zu verlangen, die bereits seit sechs Jahren studieren, ohne einen Abschluss erworben zu haben. Einfache Hybridsysteme würden jedoch eine Zweiklassengesellschaft an den Universitäten schaffen. Die erste Klasse, die zahlenden Studierenden, würden von der Zuwendung des Lehrpersonals am meisten profitieren, da sie aufgrund des Kaufs dieser Dienstleistung einen gesetzlichen Anspruch darauf haben. Keine Frage: Wir würden solche Leistungen gerne jedem Studierenden anbieten, aber die Realität ist, dass wir zunächst die gesetzlichen Anforderungen erfüllen müssen. Der Rest ist Wohltätigkeitsarbeit. Schon jetzt erhalten zahlende Studierende mehr Aufmerksamkeit als nicht zahlende, denn wenn sie ihr Studium nicht rechtzeitig abschließen, werden sie es wahrscheinlich nie tun, wenn ihnen das Geld für ein weiteres Studienjahr fehlt. 18.000 € sind für viele Studierende aus Ländern außerhalb der EU/des EWR eine enorme Summe. Daher hat die Fakultät ein großes Interesse daran, deren Studienfortschritt im Auge zu behalten.